Digitalisierung im ländlichen Raum

S.Brandt

„Viele ältere Menschen leben auf dem Land. Es gilt, den Senioren auch im ländlichen Raum die Teilhabe am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zu sichern“, sagt Klaus Heidrich, Gründer von Humanitas Müritz e.V. und Vorstandsmitglied des Allgemeinen Behindertenverbands in Deutschland (ABiD) e.V. Klaus Heidrich lebt seit 20 Jahren im Raum Schloen. Aufgewachsen bei Bitterfeld war es ein Jugendtraum, auf die Mecklenburger Seenplatte zu ziehen. Infolge einer chronischen Erkrankung frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausgeschieden, engagiert sich der Diplom Betriebswirt seit über 14 Jahren ehrenamtlich im sozialen Bereich. 2009 gründete er den Verein Humanitas Müritz e.V. Ziel des Vereins: Menschen mit Behinderungen, Senioren und deren Angehörigen die Teilhabe am gesellschaftlichen und öffentlichen Leben zu ermöglichen. Wir haben uns mit Klaus Heidrich über seine Arbeit und Ziele für den ländlichen Raum unterhalten.

Herr Heidrich, warum machen Sie sich mit Ihrem Verein Humanitas Müritz e.V. in Mecklenburg-Vorpommern für Ältere und Menschen mit Behinderung stark?

Klaus Heidrich: Nach meiner chronischen Erkrankung und unfreiwilligen Arbeitslosigkeit suchte ich nach Möglichkeiten, anderen Betroffenen zu helfen und sie aus ihrer Isolation zu befreien. Meine Devise dabei: nicht meckern, handeln. Zur selben Zeit kam das Internet auf und damit die Idee, Gemeinschaften über den Computer zu bilden. 2009 gründete ich mit Gleichgesinnten den Verein Humanitas Müritz e.V. Der Begriff Menschlichkeit im Namen war uns wichtig. Die Stiftung Digitale Chancen und die Aktion Mensch haben uns in der Folge unterstützt. Wir konnten uns ausbilden lassen und Technik wie beispielsweise Laptops kaufen. Seitdem bieten wir wöchentlich Computerkurse an. 2012 gründeten wir außerdem die Schloener Online-Füchse. Wir treffen uns jeden Mittwoch, präsentieren offene Vorträge rund um digitale Themen und praktische Anwendung oder treffen uns zum gemeinsamen Frühstück. Wir möchten so zwischenmenschliche Beziehungen stiften und Lebensmut und Lebensfreude vermitteln.
Ganz konkret wollen wir aber eines: mit den Schloener Online-Füchsen die Entwicklung der Region mitbestimmen. Und zeigen, dass eine Digitalisierung von der Bevölkerung gewollt ist. Wir haben in Mecklenburg-Vorpommern viel Druck für unsere Forderung nach einer Breitbandentwicklung im ländlichen Raum gemacht. Seit Februar 2017 besitzt nun der Schloener Raum endlich Breitband, wir sind jetzt „die mit Schloen-Internet“. Doch in den umliegenden Gemeinden fehlt weiterhin eine digitale Infrastruktur.

Der ländliche Raum altert in vielen Teilen Deutschlands. Wie steht es um die Teilhabe von Seniorinnen und Senioren am gesellschaftlichen Leben auf dem Land?

Klaus Heidrich: Der demografische Wandel und auch die Wende im Osten haben sich oft direkt auf das Angebot für die noch verbliebenen Menschen ausgewirkt. Der Wegfall der Grundversorgung ist dabei eines der Hauptprobleme des ländlichen Raums. Buslinien wurden abgeschafft oder Fahrtzeiten beschnitten und die ländliche Mobilität damit eingeschränkt. Es gibt vielerorts keine Poststelle oder Bankfiliale mehr. Supermärkte sind oft nur mit dem Auto zu erreichen. Eine gesicherte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aller und insbesondere von Älteren und Menschen mit Behinderungen steht damit in Frage. Insbesondere, wenn es keinen adäquaten Internetzugang für alle gibt. Ohne die Möglichkeit, sich täglich auszutauschen, entsteht oft Einsamkeit und Isolation. Mit einem Einzugsgebiet von 30 km müssen wir als Verein deshalb auch ganz praktische Lösungen finden: Wer holt ab und bringt zum Computerkurs? Auch so entwickeln sich neue Kontakte. Um möglichst vielen helfen zu können, bräuchten wir jedoch mehr: Ich würde mir einen Elektrobus wünschen, den wir als Verein nutzen können. So wie andere Vereine müssen wir aus Spenden und Wettbewerbsgeldern unsere Ausgaben bestreiten. Eine Förderung von großen Firmen zu erhalten ist gerade im ländlichen Raum oft nicht möglich. Deshalb kämpfe ich aktuell für ein Wohlfahrtsgesetz für Mecklenburg-Vorpommern. Damit wir Älteren mit unseren Anliegen nicht mehr das Gefühl haben, wir seien der Gesellschaft nicht wichtig genug.

Sie wollen mit Humanitas Müritz e.V. Lebensmut schaffen. Wo sehen Sie mit ihrem Verein in den kommenden Jahren den größten Handlungsbedarf?

Klaus Heidrich: Wir wollen mit unserer Arbeit verstärkt in die Pflegeheime. Bisher konnten wir unsere Idee von Computerschulungen in Pflegeheimen noch nicht umsetzen. Oftmals ist sie am fehlenden W-Lan Netz oder aber am Willen der Pflegeleitung gescheitert. Dabei kann so viel Lebensfreude über die digitalen Medien gestiftet werden: Vor kurzem habe ich eine ältere Dame via Skype mit ihrem neugeborenen Enkel in Stuttgart verbunden. Daraufhin hat sie sich einen Laptop gekauft und steht nun in regelmäßigem Kontakt zu ihrer Familie in Süddeutschland. Hier kann ich sagen: das Hauptziel des Vereins wurde erreicht.

Kontakt:

Humanitas-Müritz e.V.
Gutshaus 1a
17192 Neu Schloen

http://www.humanitas-mueritz.verein.me

Klaus Heidrich, Gründer von Humanitas Müritz e.V.